Wie wurden aus Nachbarn Täter und Opfer?

Wie brach sich der Nationalsozialismus im damaligen Deutschen Reich Bahn? Damit befasste sich in den vergangenen Wochen eine Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum aus Washington D.C., die in Stemwede Station machte. Ergänzt wurde die Ausstellung durch einen lokalen Teil, den engagierte Heimatfreunde um den Stemweder Gemeindeheimatpfleger Tobias Seeger mit Unterstützung des Stadtarchivs Lübbecke um Christel Droste erstellt haben. 

Auch der lokale Teil macht deutlich, wie schnell die Hitler-Faschisten im damaligen Landkreis Lübbecke fest im Sattel saßen und wie sie Mitbürger jüdischen Glaubens oder politisch Andersdenkende ausgrenzten, entrechteten und schließlich ermordeten. Vielen Gästen der Ausstellung dürfte auch nicht bewusst gewesen sein, dass Menschen im heutigen Stemwede bewusst und voller Überzeugung das Euthanasie-Programm der Nazis unterstützten.

Die Nazis verfolgten und ermordeten Menschen jüdischen Glaubens und löschten so jüdische Gemeinden aus, die über Jahrhunderte zum Gemeinwesen eines Dorfes oder einer Stadt dazu gehörten. Eine dieser Gemeinden, die verschwanden, war die in Levern. Mit der hatte sich Stefanie Hillebrand befasst. In ihrer Examensarbeit rollte Stefanie Hillebrand die Geschichte und die Besonderheiten der Leverner Gemeinde auf und 1996 erschien diese Arbeit als Buch. Das ist längst vergriffen. Auf Initiative des Heimatvereins Levern und der Leverner Ortsheimatpflegerin Karin Klanke war Stefanie Hillebrand zu Gast im Heimathaus Levern und las aus ihrem Buch. Hillebrand wuchs in Levern auf und ist heute tätig im Stadtarchiv in Bad Oeynhausen.

Der Heimatverein Levern freute sich über ein volles Haus bei der Lesung. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus sei vor dem Hintergrund des Erstarkens rechter Kräfte auch in Deutschland besonders wichtig, betonte der Vorstand des Heimatvereins. Die jüdische Gemeinde Levern sei ein wichtiger Teil der mehr als 1.050 Jahre zurückreichenden Geschichte des Ortes. Ein jeder möge sich einmal vorstellen, wie es wäre, wenn es den Nazi-Terror nicht gegeben hätte und die jüdische Gemeinde Levern heute noch existieren würde – und man etwa christliche und jüdische Feste gemeinsam hätte feiern können, merkte der Vorstand an.

Bei den Recherchen für ihr Buch hat sich Stefanie Hillebrand vor allem auf Akten aus dem Gemeindearchiv Stemwede gestützt. Die gebürtige Levernerin wertete auch Unterlagen im Personenstandsarchiv in Detmold aus. Sie wertete aber auch Aussagen von Holocaust-Überlebenden aus. In Amsterdam etwa sprach Hillebrand damals mit dem aus Lübbecke stammenden Ernst Hurwitz. Er hatte Verwandtschaft in Levern und konnte vor den Nazis flüchten.

Die Leverner Gemeinde sei im prozentualen Verhältnis zur Einwohnerzahl eine der großen im Lübbecker Land gewesen, merkte Hillebrand an. Zeitweise gehörten der Gemeinde mehr als 80 Menschen an. Ab 1873 hatte sie an der heutigen Hügelstraße eine eigene Synagoge. Rund zwei Kilometer nördlich des Ortskerns erwarb die jüdische Gemeinde Levern nach längeren bürokratischen Widerständen ein Grundstück und legte hier den Friedhof an. Das ist die letzte heute noch bestehende Einrichtung der einstigen jüdischen Gemeinde Levern. Die letzte Bestattung fand 1936 statt, damals wurde Erich Hurwirt zu Grabe getragen. Erich Hurwitz war Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und gehörte 1913 zu den Mitbegründern des TV „Frisch Auf“ Levern.

Die Synagoge und der Friedhof hätten allen am Herzen gelegen, sodass Bürger jüdischen Glaubens aus Wehdem und Dielingen dazu genommen werden sollten. Die jüdische Gemeinde habe einen Körperschafts-Status erlangen wollen und das sei wegen der geforderten Mitgliederzahlen nur im Verbund gegangen, fand Stefanie Hillebrand heraus. Dielingen aber habe sich quergestellt und sich der Synagogengemeinde in Lemförde verbunden gefühlt. Wehdem sei geteilt gewesen. Familie Coblenzer habe sich Lemförde zugehörig gefühlt, Familie Sauer Levern.

In der Leverner Synagoge habe es ein Harmonium gegeben, berichtete Hillebrand mit Verweis auf zeitgenössische Quellen. Das sei als Hinweis zu werten auf eine liberale Gemeinde. Zudem sei die Anwendung der Religionsgesetze in der Leverner Gemeinde im 20. Jahrhundert immer lockerer geworden. Andere Menschen jüdischen Glaubens hätten ihre Glaubensgenossen aus Levern schon fast als gotteslästernde Menschen beschrieben.

Zahlreiche Leverner Juden, die vor allem als Kaufleute oder Viehändler tätig waren, kehrten  ihrer Heimat in den 1920er Jahren den Rücken, sagte Hillebrand. Die Familie Löwenstein etwa, die sich um den Bau der Synagoge und den Kauf der Friedhofsfläche verdient gemacht hatte und die im Dorf eine Wurstfabrik betrieb, zog in den 1920er Jahren ins Rheinland. In Levern erhielt sich für die frühere Stiftskurie von Vincke die Bezeichnung „Löwenburg“: Bernhard Löwenstein hatte das Gebäude einst besessen.

Die Synagoge diente auch als Schule. Dem evangelischen Pfarrer war es ein Dorn im Auge, dass Kinder aus der jüdischen Schule am Sonntag während des evangelischen Gottesdienstes auf dem Kirchplatz spielten und  aus seiner Sicht Lärm verursachten. Der Leverner Amtmann verbot deswegen den Unterricht am Sonntag. Ungesetzlich, befand dagegen der Lübbecker Landrat das Verbot und hob es auf. Die jüdische Gemeinde kam der evangelischen entgegen: Sonntags gab es keine Schulpausen mehr während des evangelischen Gottesdienstes.

In der Synagoge fanden nach Angaben Hillebrands zuletzt nur noch an den hohen Feiertagen Gottesdienste statt. Dazu seien aber auch Gäste aus Rahden, Lemförde, Bad Essen oder weiter weg gekommen. Viele Gebäude an der Leverner Hügelstraße, einst im Volksmund als „Judenstraße“ bezeichnet, wurden während der Kampfhandlungen am 4. April 1945 zerstört. Dazu gehörten auch Gebäude, in denen einst Leverner jüdischen Glaubens lebten.  Die einstige Synagoge, mittlerweile mehrfach umgebaut, blieb erhalten. An die frühere jüdische Gemeinde Levern erinnert der Heimatverein auch im Heimathaus Levern.

Im Leverner Heimathaus las Stefanie Hillebrand aus ihren Buch über die einstige jüdische Gemeinde Levern. Foto: Heimatverein Levern